Foto:©Elisabeth
Anton
Abschied
von meiner Heimat Hatzfeld
Sommer, 1980
Noch einmal durch die Gassen spazieren
Unser Kind versteht diesen Schritt noch nicht
Sie freut sich, dass bunte Blumen die Gärten regieren
Sie weiß noch nicht, wie leicht ein Traum zerbricht
Wir gehen mit ihr, ein letztes Mal, kreuz und quer
Durch alle Gassen - Heimat für alle, seit Ansiedlung
Radegunde-Erika, sie freut sich mehr und mehr
Im lauen Sonnenstrahl, weiß nicht, was Aussiedlung
Menschen, denen wir begegnen
Wünschen uns Glück, für die unbekannte Reise
Und wir: „Möge dies Glück auch euch bald regnen“
Fast alle, fast alle sie sich gewünscht, diese Reise
Hier, ein uralter Giebel, dort die Eiche im Park
„Maria Palais“, steht dort, hoch oben – Buchstaben fehlen
schon
„Wir müssen vorsichtig sein und stark.“
Sagte mein Mann. „Wir dürfen ihn nicht provozieren, DEREN
Hohn.“
Noch einmal durch die Gassen meiner Heimat
Am nächsten Tag durch „Rapova“, „Hansldorf“, „Futok“,
„Lerchenfeld“
Noch einmal in die „Forgalmika“, „Zehn Gebote“, Kirchen
der Heimatstadt
Noch einmal „Marktplatz“, die „Blaue Kaul“ - sie
atmen, die Luft von Hatzfeld
Vor dem Hl. Florian bleiben wir stehen
Erinnern uns, wie lange er schon über Hatzfeld wacht
Dann, still und schweigend wir in unsere Kirche
gehen
In Ehrfurcht an Heimat, an die Lebenden und Toten
gedacht
Unsere Tochter, sie will zu ihrem Jesuskind
Maria streicheln, und ihr Kind auf ihrem Arm
Momente, als ob alles mitgenommen vom Wind
Ich mache das Kreuz, denke: „Gott, erbarm!
Erbarme dich unser, auf diesem Weg in die Ferne
Lass langersehnte Freiheit uns edles Ziel sein.“
Irgendwann, ich weiß, da tragen auch wir das letzte
Hemd
Und grüßen „von oben“ – ob in Freiheit oder nicht – ganz
allein
Noch einmal, all die Gassen meiner Heimat sehen
Spüren ihre heimatliche Geborgenheit
Noch einmal unter den uralten Akazien stehen
Revue passieren, die Jahrzehnte unserer Vergangenheit
Damals, 1980, im Laufe organisierter Aussiedlung
Wo ich die letzten Kräfte gesammelt, für diese
Ausreise
Wie Dank, Schönheit und Ersticken, drängelte sich jede
Erinnerung
Nicht vergessen zu werden, am Ende dieser Reise
Noch einmal, über Heimat, einen allerletzten Blick
Alles was einst mein Leben, passte plötzlich in
einen Schuhkarton
Weiter! Weiter! Immer weiter, es gibt kein Zurück
Morgen ist es soweit, das letzte Starten, ein leises
Davon
Plötzlich, von Generationen, all ihr Wirken, ihr
Leben
Auf wenigen Fotos nur, gepresst in die alte Handtasche
Heimat, ich weiß, dich wird es kein zweites Mal
geben
Im Schuppen vereinsamt, steht sie noch, die leere
Petroleumflasche
Der Morgen, als ob ganz anders wie gewohnt
Heimat liegt weit zurück, wir hilflos eingeschlossen
In einem alten Bahnhofswarteraum. Wie seltsam das Leben
entlohnt
Heimat für Freiheit geopfert. Wie viele wohl, an den
Grenzen erschossen
Das
sind Augenblicke, die vergisst man nie
Dieses
Alleinsein mit Haut und Haar, nur noch ein Koffer in der Hand
Dieses
Verknoten von Glück und Angst, das vergaß ich nie
Der
letzte Bahnhof, weg aus diesem unerträglichen Diktaturland
Freiheit,
hätte man uns Freiheit gegeben
Stünde
Hatzfeld, heute noch, in seinem edelsten Blütenkleid
Stattdessen,
uns lieber für Devisen verkauft, hergegeben
Was
habe ich sie gehasst, diese sadistische Diktaturzeit
Plötzlich,
eine letzte Treppe hochzusteigen
In
den Zug, der unterwegs Richtung „Freiheit“
Meine
Engel tanzten, behutsam, ihren Ehrenreigen
Ratternde
Räder quälten sich durch die atmende Zeit
Heimat,
sie blieb allein zurück. Wir, Richtung Freiheit
Diese
Gefühle, sie passen in keinen Roman
Trilogien
könnte man schreiben, über dieser Jahre Zeit
Heimaterinnerungen,
stimmt eure Lieder an…
©Elisabeth
Anton, Speyer / Hatzfeld
20.04.2014

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