Mittwoch, 7. August 2019

Abschied von meiner Heimat Hatzfeld

















Foto:©Elisabeth Anton



 Abschied von meiner Heimat Hatzfeld          

                Sommer, 1980



Noch einmal durch die Gassen spazieren

Unser Kind versteht diesen Schritt noch nicht

Sie freut sich, dass bunte Blumen die Gärten regieren

Sie weiß noch nicht, wie leicht ein Traum zerbricht



Wir gehen mit ihr, ein letztes Mal, kreuz und quer

Durch alle Gassen - Heimat für alle, seit Ansiedlung

Radegunde-Erika, sie freut sich mehr und mehr

Im lauen Sonnenstrahl, weiß nicht, was Aussiedlung



Menschen, denen wir begegnen

Wünschen uns Glück, für die unbekannte Reise

Und wir: „Möge dies Glück auch euch bald regnen“

Fast alle, fast alle sie sich gewünscht, diese Reise

 

Hier, ein uralter Giebel, dort die Eiche im Park

„Maria Palais“, steht dort, hoch oben – Buchstaben fehlen schon

„Wir müssen vorsichtig sein und stark.“

Sagte mein Mann. „Wir dürfen ihn nicht provozieren, DEREN Hohn.“



Noch einmal durch die Gassen meiner Heimat

Am nächsten Tag durch „Rapova“, „Hansldorf“, „Futok“, „Lerchenfeld“

Noch einmal in die „Forgalmika“, „Zehn Gebote“, Kirchen der Heimatstadt

Noch einmal „Marktplatz“, die „Blaue Kaul“ - sie atmen, die Luft von Hatzfeld



Vor dem Hl. Florian bleiben wir stehen

Erinnern uns, wie lange er schon über Hatzfeld wacht

Dann, still und schweigend wir in unsere Kirche gehen

In Ehrfurcht an Heimat, an die Lebenden und Toten gedacht



Unsere Tochter, sie will zu ihrem Jesuskind

Maria streicheln, und ihr Kind auf ihrem Arm

Momente, als ob alles mitgenommen vom Wind

Ich mache das Kreuz, denke: „Gott, erbarm!



Erbarme dich unser, auf diesem Weg in die Ferne

Lass langersehnte Freiheit uns edles Ziel sein.“

Irgendwann, ich weiß, da tragen auch wir das letzte Hemd

Und grüßen „von oben“ – ob in Freiheit oder nicht – ganz allein



Noch einmal, all die Gassen meiner Heimat sehen

Spüren ihre heimatliche Geborgenheit

Noch einmal unter den uralten Akazien stehen

Revue passieren, die Jahrzehnte unserer Vergangenheit

 

Damals, 1980, im Laufe organisierter Aussiedlung

Wo ich die letzten Kräfte gesammelt, für diese Ausreise

Wie Dank, Schönheit und Ersticken, drängelte sich jede Erinnerung

Nicht vergessen zu werden, am Ende dieser Reise



Noch einmal, über Heimat, einen allerletzten Blick

Alles was einst mein Leben, passte plötzlich in einen Schuhkarton

Weiter! Weiter! Immer weiter, es gibt kein Zurück

Morgen ist es soweit, das letzte Starten, ein leises Davon



Plötzlich, von Generationen, all ihr Wirken, ihr Leben

Auf wenigen Fotos nur, gepresst in die alte Handtasche

Heimat, ich weiß, dich wird es kein zweites Mal geben

Im Schuppen vereinsamt, steht sie noch, die leere Petroleumflasche



Der Morgen, als ob ganz anders wie gewohnt

Heimat liegt weit zurück, wir hilflos eingeschlossen

In einem alten Bahnhofswarteraum. Wie seltsam das Leben entlohnt

Heimat für Freiheit geopfert. Wie viele wohl, an den Grenzen erschossen



Das sind Augenblicke, die vergisst man nie

Dieses Alleinsein mit Haut und Haar, nur noch ein Koffer in der Hand

Dieses Verknoten von Glück und Angst, das vergaß ich nie

Der letzte Bahnhof, weg aus diesem unerträglichen Diktaturland



Freiheit, hätte man uns Freiheit gegeben

Stünde Hatzfeld, heute noch, in seinem edelsten Blütenkleid

Stattdessen, uns lieber für Devisen verkauft, hergegeben

Was habe ich sie gehasst, diese sadistische Diktaturzeit



Plötzlich, eine letzte Treppe hochzusteigen

In den Zug, der unterwegs Richtung „Freiheit“

Meine Engel tanzten, behutsam, ihren Ehrenreigen

Ratternde Räder quälten sich durch die atmende Zeit



Heimat, sie blieb allein zurück. Wir, Richtung Freiheit

Diese Gefühle, sie passen in keinen Roman

Trilogien könnte man schreiben, über dieser Jahre Zeit

Heimaterinnerungen, stimmt eure Lieder an…



©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

               20.04.2014






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