Foto:©Elisabeth Anton
Großvater, ich danke dir
So reich unsere Jahrzehnte, die Zeit mit dir
Du hast mir gezeigt, was im Leben wichtig, was wirklich zählt
Du hast mich gelernt, wozu Hammer, Zange, Säge wichtig
Was Ehrfurcht und Dank sind, wenn sie, nicht nur dir, den Alltag verschönern
Du hast mir erzählt, wie grauenvoll, wie sinnlos Kriege sind
Dass diese, dieses Leid, sich nie mehr wiederholen dürfen
Du hast mir vom Elend erzählt, das du in den Schützengräben überlebt
Von den vielen unschuldigen Soldaten, die ihr Leben an der Front verloren
Ohne, dass jemand dies gewürdigt
Nur die Tränen ihrer Eltern fielen lebenslänglich
Du hast mir klargemacht, wo die Bedeutung von Holz und Blumenpracht
Warum wir Selbstversorger sind, der Garten gepflegt und gehegt werden muss
Du hast mich gelernt, wie man hobelt, Scheren schleift, mit dem Spaten umgeht
Warum wir Tauben züchten, warum all das Vieh im Hof so wichtig
Du hast mich gelernt, wie man einen Schweinedarm putzt, so zubereitet
Dass nachher darin die Wurst eingefüllt werden kann
Vom Schwein alles verarbeitet wird, warum Schafwolle und Honig so wichtig
Warum der Misthaufen so wertvoll, für das Vieh, den Garten
Du hast mir gezeigt, wie man Sense und Sichel dengelt
Wie man Hacke, Spaten, Axt wieder schneidefähig bekommt
Du hast Lehm mit Spreu mit mir „getreten“, mit den Füßen
Um die Rückwand des Hauses dort zu glätten, wo der Regen ein Teil zerstört
Mir gezeigt, auf dem Dachgerüst, dass ich weiß, wie man Dachziegeln eindeckt
Damit es nie reinregnet, auch nach hundert Jahren nicht, kein Sturm je was zerstört
Wir haben zusammen das Grabkreuz in Beton gegossen
Die weißen Steine aus dem Fluss gesammelt, abgeschliffen
In diesem altrosafarbenen Betongemisch, von uns zusammengerührt
Sahen diese abgeschliffenen Steine wie kleine, weiße Monde aus
Du hast mich gelernt, wie man Garben bindet
Damit sie ins Ofenloch im Schuppen geschoben werden können
Damit sie, über den Ofen im Zimmer, angenehme Wärme schenken
Wenn die Eisblumengemälde die Fensterscheiben bemalen
Du hast mich gelehrt, wie wichtig es ist, sparsam und rücksichtsvoll zu sein
Ob mit Menschen, Natur, Tiere, Pflanzen, Erde, mit Gefühlen, Stunden des Lebens
Du hast mir die Liebe, das Leben und den Tod erklärt
Und wie stark sie macht, Hoffnung schenkt, die wahre Liebe
Wenn man fähig, sie zu leben, zu achten, zu bewahren
Voller Ehrfurcht und Dankbarkeit, weil uns Leben geschenkt
Du hast mich gewarnt, mir erklärt, in aller Deutlichkeit
Dass es sich nie lohnt, dass es dafür keine Verhältnismäßigkeit gibt
Sein Leben an den Stacheldrahtgrenzen unserer Heimat
Aufs Spiel zu setzen, für die Freiheit in einem fremden Land…
©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld
13.05.2021

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