Dienstag, 22. Juni 2021

Unsere Kompottgläser in der Speisekammer

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto:©Elisabeth Anton

 

Unsere Kompottgläser in der Speisekammer

Gläsergalerie, Obstsymphonie - Vorräte rund ums Jahr

 
 

In Reih´ und Glied´, in unverwechselbarer Einzigartigkeit, standen sie

In unserer Speisekammer. Welch Bild voller Ehrfurcht, Dank und Andacht

Aprikosen, Trauben, Zwetschgen, Birnen, Kirschen – Obstsymphonie

Was waren wir mit Natur, ihren Reichtümern, so gnädig bedacht

 

Die hohen schmalen Gläser, trocken und rein

Der Gläserboden etwas breiter als ihr Einfüllloch

Geschälte Aprikosenhälften, wie Fischschuppen gelegt, musste sein

Da zeigte meine Großi ihre Künste, immer wieder, immer noch

 

Die Stiele an den Traubenperlen, einzeln mit der Schere abgeschnitten

Damit die Gefahr für den Schimmel gebannt

Großmutter kannte und lebte sie, Glauben, Bräuche und Sitten

Im Garten, Hof und Küche, hatte sie stets goldene Hand

 

Wo Aprikosengläser, da stand kein anderes Obst mehr

Hunderte Gläser Marmeladensorten, immer eigenes Regal, ihren Platz

In der Speisekammer, da war kein einziges Regal mehr leer

Großmutters ganzer Stolz, dieser ihr Überwinterungsschatz

 

Auf der linken Seite Kompott, die Marmelade

Auf der rechten, die grünen Tomaten, Gurkengläser, „Tschalamadi“ und Kraut

Auf dem hohen Fenster, das Rahm-Glas oft leer. Schade

Der geräucherte Schinken bald zu Ende, der Knochen schon rausgeschaut

 

Die geselchten Schweineschinken hingen vor dem Fenster, damit sie viel Luft

Nicht schimmeln, sondern trocknen im Wind

Was war das, in unserer Speisekammer, ein wohltuender Duft

Ich erinnere mich genau, seit ich ein Kind

 

Auch unten, auf den Ziegeln, hatte alles seinen Platz. Auf dem Fußboden

Stand die „Schmalz-Tees“, Blechbehälter innen weiß, außen hellblau emailliert

Damals sprach keiner von Aids noch von abartigem Waldroden

Und all diese Vorräte brachten Freude, haben niemanden strapaziert

 

Man war stolz, seine volle Speisekammer zu zeigen

Froh, wenn der Himmel reiche Ernte über Garten und Feld gestreut

Man konnte, man wollte sich in Ehrfurcht verneigen

Vor allem, womit die Natur Mensch und Tier erfreut

 

Und auf dem Dachboden, ganz vorne rechts, am Straßengiebel

Da lagen die Vorräte unserer leeren, sauberen Kompottgläser

Zugedeckt mit altem Tuch. Oben am Querhaken, Zöpfe aus Knoblauch, Zwiebel

Alles für den Winter getrocknet, konserviert – von Obst, Gemüse, bis Heilgräser

 

Unsere Kompottgläser, heute würde manch einer lachen

Sie waren unverzichtbar, uns ein Heiligtum

Diese Kompottgläser füllen, heißt hier „Einmachen“

Egal wie die Benennung, der wahre Sinn damals, wahrer Reichtum

 

Man tauschte aus, man bewahrte sie

Unvorstellbar, unsere Speisekammer ohne Kompottgläser

Sie waren unseres Winters Überlebensstrategie

Wir liebten und ehrten alles – jeden Baum, Blume, heilig selbst die Hutwettgräser

 

Heute, heute alles verschwunden, restlos dahin

Die Mächtigen können selbst Heimat auflösen, zerstören

Wenige Gläser brachte ich aus der Heimat, mit Hatzfelder Erde drin

Wie schade, heute will keiner mehr, hier, etwas von Kompottgläser hören

 

Die Moderne zieht weiter, still, skrupellos, ungeniert

Die Andacht vor der Macht der Natur, sie blieb stehen

Hätten unsere Ahnen, wir, die Macht der Natur ignoriert

Könnten niemals, auf brachem Sumpfland Heimat, blühendes Land entstehen

 

Unsere unvergessenen Kompottgläser in der Speisekammer

Für den Winter die Überlebenschance, für das Auge bunte Bildergalerie

Wohltat und Reichtum, unsere Kompottgläser in der Speisekammer

Was waren alle so stolz, auf den Reichtum ihrer Gläserharmonie

 

Leider, sie sind längst dahin, vergangen, vergessen

Die alten, die so wertvollen Kompottgläser

Bewahrt, erhalten von Generation zu Generation, für reiches Winteressen

Nur der Hutwettwind, er streichelt sie noch, die einsamen Heimatgräser

 

©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

                   02.09.2012

 

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