Foto:©Elisabeth Anton
Unsere Kompottgläser in der Speisekammer
Gläsergalerie, Obstsymphonie - Vorräte rund ums Jahr
In Reih´ und Glied´, in unverwechselbarer Einzigartigkeit, standen sie
In unserer Speisekammer. Welch Bild voller Ehrfurcht, Dank und Andacht
Aprikosen, Trauben, Zwetschgen, Birnen, Kirschen – Obstsymphonie
Was waren wir mit Natur, ihren Reichtümern, so gnädig bedacht
Die hohen schmalen Gläser, trocken und rein
Der Gläserboden etwas breiter als ihr Einfüllloch
Geschälte Aprikosenhälften, wie Fischschuppen gelegt, musste sein
Da zeigte meine Großi ihre Künste, immer wieder, immer noch
Die Stiele an den Traubenperlen, einzeln mit der Schere abgeschnitten
Damit die Gefahr für den Schimmel gebannt
Großmutter kannte und lebte sie, Glauben, Bräuche und Sitten
Im Garten, Hof und Küche, hatte sie stets goldene Hand
Wo Aprikosengläser, da stand kein anderes Obst mehr
Hunderte Gläser Marmeladensorten, immer eigenes Regal, ihren Platz
In der Speisekammer, da war kein einziges Regal mehr leer
Großmutters ganzer Stolz, dieser ihr Überwinterungsschatz
Auf der linken Seite Kompott, die Marmelade
Auf der rechten, die grünen Tomaten, Gurkengläser, „Tschalamadi“ und Kraut
Auf dem hohen Fenster, das Rahm-Glas oft leer. Schade
Der geräucherte Schinken bald zu Ende, der Knochen schon rausgeschaut
Die geselchten Schweineschinken hingen vor dem Fenster, damit sie viel Luft
Nicht schimmeln, sondern trocknen im Wind
Was war das, in unserer Speisekammer, ein wohltuender Duft
Ich erinnere mich genau, seit ich ein Kind
Auch unten, auf den Ziegeln, hatte alles seinen Platz. Auf dem Fußboden
Stand die „Schmalz-Tees“, Blechbehälter innen weiß, außen hellblau emailliert
Damals sprach keiner von Aids noch von abartigem Waldroden
Und all diese Vorräte brachten Freude, haben niemanden strapaziert
Man war stolz, seine volle Speisekammer zu zeigen
Froh, wenn der Himmel reiche Ernte über Garten und Feld gestreut
Man konnte, man wollte sich in Ehrfurcht verneigen
Vor allem, womit die Natur Mensch und Tier erfreut
Und auf dem Dachboden, ganz vorne rechts, am Straßengiebel
Da lagen die Vorräte unserer leeren, sauberen Kompottgläser
Zugedeckt mit altem Tuch. Oben am Querhaken, Zöpfe aus Knoblauch, Zwiebel
Alles für den Winter getrocknet, konserviert – von Obst, Gemüse, bis Heilgräser
Unsere Kompottgläser, heute würde manch einer lachen
Sie waren unverzichtbar, uns ein Heiligtum
Diese Kompottgläser füllen, heißt hier „Einmachen“
Egal wie die Benennung, der wahre Sinn damals, wahrer Reichtum
Man tauschte aus, man bewahrte sie
Unvorstellbar, unsere Speisekammer ohne Kompottgläser
Sie waren unseres Winters Überlebensstrategie
Wir liebten und ehrten alles – jeden Baum, Blume, heilig selbst die Hutwettgräser
Heute, heute alles verschwunden, restlos dahin
Die Mächtigen können selbst Heimat auflösen, zerstören
Wenige Gläser brachte ich aus der Heimat, mit Hatzfelder Erde drin
Wie schade, heute will keiner mehr, hier, etwas von Kompottgläser hören
Die Moderne zieht weiter, still, skrupellos, ungeniert
Die Andacht vor der Macht der Natur, sie blieb stehen
Hätten unsere Ahnen, wir, die Macht der Natur ignoriert
Könnten niemals, auf brachem Sumpfland Heimat, blühendes Land entstehen
Unsere unvergessenen Kompottgläser in der Speisekammer
Für den Winter die Überlebenschance, für das Auge bunte Bildergalerie
Wohltat und Reichtum, unsere Kompottgläser in der Speisekammer
Was waren alle so stolz, auf den Reichtum ihrer Gläserharmonie
Leider, sie sind längst dahin, vergangen, vergessen
Die alten, die so wertvollen Kompottgläser
Bewahrt, erhalten von Generation zu Generation, für reiches Winteressen
Nur der Hutwettwind, er streichelt sie noch, die einsamen Heimatgräser
©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld
02.09.2012

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