Foto:©Elisabeth
Anton
Bahnhöfe
Mein ganzes Leben, seit ich ein Kind
Liebte ich alte Bahnhöfe
Mit dem Zug die Landschaften bewundern
Die Silberwolken des Himmels sehen
Die schwarzen Wolken der uralten Lokomotive
Das Räderrattern auf den täglich befahrenen Gleisen
Wie uralte Lieder aus längst verrosteter Zeit
Ein Tag voller Wunder, Freude und Glück
Tagelange Vorfreude, bestimmte Kleider angezogen
An einem kleinen Fenster, dem Schalter, Fahrkarten gekauft
Hinter der verschlossenen Glastür zum Perron gestanden
Bis ein Soldat, mit seinem aufgepflanzten Gewehr
Die Tür geöffnet. Der Zug stand schon im Bahnhof
Alle konnten einsteigen
Über diese sehr hohen, oft schwer erreichen Treppen
Endlich im Waggon, schnell zu einem Fensterplatz
Auf diesen uralten Holzlattenbänken
Die es noch zur Zeit meiner Kindheit gegeben
Natürlich gab es auch ein Abteil 1. Klasse
Die Sessel mit hoher Rückenlehne, mit dunkelblauem Plüsch bezogen
Gepolstert, angenehmer als die Holzlatten der Bänke
In der Großstadt, in diesem alten, schönen Bahnhof
Gab es sogar ein Wartesaal 1. Klasse
Wo man nur dann sein konnte
Wenn man eine „Zugkarte“ 1. Klasse vorzeigen konnte
Oder man griff, ohne gesehen zu werden, mal in die Jackentasche
Ich sah viele Bahnhöfe, in verschiedenen Landesregionen
Wo manchmal als Bahnhof nur ein kleines Häuschen, ohne Wartesaal
Bis es jenen Bahnhof gegeben
Wo wir von kurz nach Mitternacht bis spät abends eingesperrt waren
Bei der Ausreise Richtung Freiheit
Weil es im Landesinneren einen Verkehrsunfall gegeben
Dem dieser „Orient Express“ zum Opfer gefallen
Man leitete den Zug nicht um, sondern man wartete, bis die Gleise repariert
Mehr als sieben Stunden Verspätung
Selbst zum Toilettengang, mit Soldaten mit aufgepflanztem Gewehr
Seitdem, seitdem fällt es mir sehr schwer
Bahnhöfe zu genießen, wie das mal für mich was ganz Besonderes war
©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld
25.08.2023
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