Samstag, 20. Juni 2020

Alles aufgeben - der einzige Weg in die Freiheit

















Foto:©Elisabeth Anton


Alles aufgeben - der einzige Weg in die Freiheit  

Vor vierzig Jahren, doch keinen Augenblick vergessen





Aussiedlung, damals, der einzige Weg in die Freiheit

Durch das Aufgeben von allem, was Leben bisher gelebt

Ob Elternhaus, Heimat, Nachbarn, Freunde

Manche Familien wieder getrennt

Weil gemeinsames Aussiedeln nicht immer möglich

Räumen aller Zimmer, das ganze Haus musste leer sein

„Besenrein“, bei der Übergabe an den Staat

Bilderrahmen verließen ungewollt ihre Wände

Möbelstücke das Haus, in fremde Hände

Tiere, Vieh – verkauft oder verschenkt

Oder, man nahm sie mit auf die Reise

Auch wenn ein „Hundepass“ vom Tierarzt ein Vermögen gekostet

Alles, alles blieb zurück, Jahrzehnteleben von Generationen

An der Staatsgrenze, beim Verlassen des Landes

Wurde man „entkleidet“ – ob Koffer, ob Kleidung

Was dem diensthabenden Offizier oder Zoll nicht gepasst

Wurde aus den Koffern entfernt, auch mit genehmigter Liste

Ich fragte mich oft, seit damals

War das der Sadismus dieser Grenzbeamten

Oder Neid und Wut, weil wir gehen durften, SIE bleiben mussten

Wir waren, laut Pass, „Staatsbürger ohne Staatsbürgerschaft“

So stand es geschrieben, auf dem Cover meines Passes

Wir waren laut Pass „Staatenlos“

Wir erlebten einen grenzenlosen Zynismus, beispiellose Demütigung

Trotz betagter Großeltern, trotz Kind mit Behinderung

Der Tag der Ausreise brachten dem Ganzen den Stempel

Dass es die beste Entscheidung war, zu gehen

Ekel stieg in mir hoch, vor allem, was es gab in diesem Land

Dann noch eine siebenstündige Verspätung der Bahn

Ein Horrortag, unsere Ausreise, Sommer 1980

Ich schwieg, egal was der Offizier sagte oder aus dem Koffer entfernte

Mein Koffer war schon halb leer. Ich, ohne Kleider, nur, was ich am Leib trug

Damit ich jene unserer zweieinhalbjährigen Tochter mitnehmen durfte

In der Bahnhofsbodega nur Gulaschsuppe, und Dreck auf dem Tisch

In dem Raum unserer „Verfrachtung“, bis zur Abfahrt

Stinkende Luft, Fensterglas mit weißer Farbe gestrichen. Fensterbank voller toter Fliegen

Toilettengang nur einzeln und in Begleitung „der Diensthabenden“ möglich

Die Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren, damit sie uns sicher bewachen können

Als ob eine Szene aus einem schlimmsten Horrorfilm

Doch es gab Kraft, von den strahlend lachenden Augen unserer Tochter

Und von der Genugtuung, dass keiner wissen, sehen konnte

Was meine Gedanken beherbergen, der Triumpf meiner Gedankenmacht

Was immer sie uns auch angetan

Meine Gedanken, sie gehörten immer nur mir…

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©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

                12.04.2020




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