Foto:©Elisabeth
Anton
Alles aufgeben - der einzige Weg in die
Freiheit
Vor vierzig Jahren, doch
keinen Augenblick vergessen
Aussiedlung, damals, der einzige Weg in die Freiheit
Durch das Aufgeben von allem, was Leben bisher
gelebt
Ob Elternhaus, Heimat, Nachbarn, Freunde
Manche Familien wieder getrennt
Weil gemeinsames Aussiedeln nicht immer möglich
Räumen aller Zimmer, das ganze Haus musste leer sein
„Besenrein“, bei der Übergabe an den Staat
Bilderrahmen verließen ungewollt ihre Wände
Möbelstücke das Haus, in fremde Hände
Tiere, Vieh – verkauft oder verschenkt
Oder, man nahm sie mit auf die Reise
Auch wenn ein „Hundepass“ vom Tierarzt ein Vermögen
gekostet
Alles, alles blieb zurück, Jahrzehnteleben von
Generationen
An der Staatsgrenze, beim Verlassen des Landes
Wurde man „entkleidet“ – ob Koffer, ob Kleidung
Was dem diensthabenden Offizier oder Zoll nicht
gepasst
Wurde aus den Koffern entfernt, auch mit
genehmigter Liste
Ich fragte mich oft, seit damals
War das der Sadismus dieser Grenzbeamten
Oder Neid und Wut, weil wir gehen durften, SIE
bleiben mussten
Wir waren, laut Pass, „Staatsbürger ohne Staatsbürgerschaft“
So stand es geschrieben, auf dem Cover meines
Passes
Wir waren laut Pass „Staatenlos“
Wir erlebten einen grenzenlosen Zynismus, beispiellose
Demütigung
Trotz betagter Großeltern, trotz Kind mit Behinderung
Der Tag der Ausreise brachten dem Ganzen den
Stempel
Dass es die beste Entscheidung war, zu gehen
Ekel stieg in mir hoch, vor allem, was es gab in
diesem Land
Dann noch eine siebenstündige Verspätung der Bahn
Ein Horrortag, unsere Ausreise, Sommer 1980
Ich schwieg, egal was der Offizier sagte oder aus
dem Koffer entfernte
Mein Koffer war schon halb leer. Ich, ohne Kleider,
nur, was ich am Leib trug
Damit ich jene unserer zweieinhalbjährigen Tochter mitnehmen
durfte
In der Bahnhofsbodega nur Gulaschsuppe, und Dreck
auf dem Tisch
In dem Raum unserer „Verfrachtung“, bis zur Abfahrt
Stinkende Luft, Fensterglas mit weißer Farbe gestrichen.
Fensterbank voller toter Fliegen
Toilettengang nur einzeln und in Begleitung „der
Diensthabenden“ möglich
Die Soldaten mit aufgepflanzten Gewehren, damit sie
uns sicher bewachen können
Als ob eine Szene aus einem schlimmsten Horrorfilm
Doch es gab Kraft, von den strahlend lachenden
Augen unserer Tochter
Und von der Genugtuung, dass keiner wissen, sehen
konnte
Was meine Gedanken beherbergen, der Triumpf meiner
Gedankenmacht
Was immer sie uns auch angetan
Meine Gedanken, sie gehörten immer nur mir…
.
©Elisabeth
Anton, Speyer / Hatzfeld
12.04.2020

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