Donnerstag, 27. August 2020

Taschentücher

















Foto:©Elisabeth Anton


Taschentücher
Erinnerungen aus der Heimat                               



Unsere vielfältigsten Taschentücher
Alltagsgegenstand, eine Philosophie für sich
Sorgfältig behandelt, wie Bücher
Das war diese Gewohnheit, einzigartig

Im alten Schubladenschrank war ihr Zuhaus
Es gab die für jeden Tag – oberste Schublade
Für den Sonntag suchte man das schönste Taschentuch aus
Was beschützte man sie alle, vor Fett, Obst und Marmelade

Jede Woche am Waschtag, mit der Wäsche mitgekocht
Vorsichtig gebügelt, immer ohne Falten
Und war mal eines zerrissen, durchlocht
Stopfte man es, mit Nadel und Zwirn, voller künstlerischem Gestalten

Es gab das Taschentuch für jeden Tag
Dann jene, bei Fieber Umschläge zu machen
Das Taschentuch mit Spitzen war für den Sonntag
Ein Taschentuch gehörte zu den wichtigsten Alltagssachen

Schien die Sonne heiß vom Himmelszelt
Je einen Knoten in jede Ecke gemacht
Wenn wir beim Maishacken, draußen auf dem Feld
Da hat so ein Taschentuch dir Schutz vor der Sonne gebracht

Dann gab es, die ganz feinen, genau auserlesen
Beim Baden, den Babys ihren Mund auszuwaschen
Ein Taschentuch, so vielseitig, so wichtig gewesen
Brotkruste darin eingebunden, gab man dem Kind zum Naschen

Dann gab es noch das Spitzentaschentuch
Wundervoll umhäkelt, als Stecktuch für den Brautanzug
So unheimlich wertvoll war es, unser Taschentuch
Und jeder besaß davon mehr als genug

Selbst mit schwarzen Spitzen, schwarzem Rand
Extra so gefertigt für den Trauerfall
Manchmal verknotete man eine Ecke, mit der Hand
Um sich an etwas zu erinnern, war Vergessen der Fall

Mit dem Taschentuch, manchen Finger man zugebunden
Um das Bluten einer Verletzung, auch Nasenbluten, zu stoppen
Selbst bei einer Blase am Fuß, hat es Anwendung gefunden
Mehrmals gefaltet, unter die Ferse, um weiteren Schmerz zu stoppen

Ja, und für die Nase, da war es immer bereit
Auch mal Lippenstift abzuwischen, manchmal
Unsere Taschentücher, sie waren zu jeder Jahreszeit
Unentbehrlich, jahrein, jahraus, von Fall zu Fall

Manche eigens gekennzeichnet, manche nicht
Andere wieder mit eigenem Monogramm versehen
„Sauber müssen sie immer sein, wie das Sonnenlicht!“
Hat Großi immer gesagt. „Da kannst du sehen

Sehen, ob die Hausfrau auch fleißig und rein
Ein Taschentuch, wie ein Spiegel von dir
Vergiss nie, dein Taschentuch muss jeden Morgen ein reines sein
Dein Taschentuch, immer eine Visitenkarte von dir.“

©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld
                 03.09.2012



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Wer hätte das gedacht

                  Foto:©Elisabeth Anton     Wer hätte das gedacht                                                         Weihnachtszei...