Mittwoch, 14. April 2021

Das Schreiben damals, meine heimliche Freiheit


 

 

 

 

 

 

 

 

Foto:©Elisabeth Anton

 

Das Schreiben damals, meine heimliche Freiheit    

Der Tanz meiner Gedichte, im lodernden Flammenmeer

 

„Schreiben“, damals, in meiner Heimat Hatzfeld

Das war der Worte, der Gedanken „Aussprache-Verbot“

Abladen aufs Papier, jeglicher Wut über Diktaturen dieser Welt

Ein Hilfeschrei des Augenblicks, in seiner Erstickungsnot

 

„Schreiben“, das war meine Waffe, so hehr, so geheim

Diese ungerechte, sadistische Diktatur zu beschreiben

Beschimpfen, was unmenschlich, wütend und zornig sein

Weil meine Worte, „mein Geheimnis“, ewig unerkannt bleiben

 

Gedichte schreiben, zu dieser Diktaturzeit

Das war ein Ausweg, nicht zu versinken

In diesem Morast ideologischer Beschränktheit

Wo „Werte“, für diese Diktatur, zum Himmel stinken

 

Als „staatsfeindlich“ abgestempelt, das wurde man sehr schnell

Passte man nicht in „IHR Schema“ rein

Ob wahr, ob gelogen, sie stempelten dich zum „Genossen“ oder „Rebell“

Dann blieb nur eines, sehr, sehr vorsichtig zu sein

 

Die Zeitungen, was strahlten sie, täglich, diese Lügen aus

Überall „IHRE Seiten“, der Parteisitzungen vollständiger Inhalt

Zu dieser Zeit suchte ich mir Morpheus, den Gott des Traumes aus

Er hatte Sinn, Ziel, Weg, Wert und Gestalt

 

All diese Reden, mit tausenden Buchstaben beschrieben

Hatten nie ein greifbar ehrliches Ziel

Der wahre Sinn, immer im Dunkeln verblieben

Was spielten die, alle, ein so unmenschliches Spiel

 

Dieses abartig gedrillte Rudel

Von „Spitzeln“ – ob haupt- oder nebenberuflich

„Sie alle“, „alle“, wedelten wie ein glücklicher Pudel

Wenn der Ansturm des Diktators greifbar, gegenwärtig

 

Sadistisch ihre Methoden, sie schreckten vor nichts zurück

Viele des vollständigen Alphabets nicht mächtig

Ihre übelst riechenden Hälse streckten sie Stück um Stück

Alle nur „Kriecher des Diktators“, fernab jeglicher Bildung, ohne eigenes Ich

 

Das war, für viele der „Unfähigen“, ihre einzige Chance

„Zu kriechen“, wo kein Wind sein Hauch verloren

Sie glaubten sich „klug“, witterten auf Revanche

Doch auch ein Spitzel ward mal als Mensch geboren

  

Überall diese Angstverbreitung, diese Überwachungen

Vermeintlicher Feinde, die falsch gesinnt diesem Land

Sie überwachten, beschatteten Haus, Wohnung, Garten, Verandaüberdachungen

Sie hinterließen, über Jahrzehnte, den Stempel von „ihrem fehlenden Verstand“

 

Schreiben, das brachte mir unsichtbare Freiheit

Triumpf des Seins, für diese Diktatur unsichtbar

„Vorsicht!“, so hieß das Motto meiner Zeit

„Spitzel-Rudel“ stieg stetig an, von Jahr zu Jahr

 

Wir hatten „Glück“, in meiner Heimat Hatzfeld

Im Vergleich zu einem Großstadtrevier

Man wusste, „diese Minderheit“ erschuf einst Hatzfeld

Jeder kannte jeden, von da nach dort, von Tür zu Tür

 

Komma und Doppelpunkt, sie waren „vielen“ unbekannt

„Ausspionieren“, das war „deren“ Alltagsspiel

Kein wertvolles Ziel auf ihren Wegen benannt

Sie dachten noch, damit dienen sie einem Diktator, dessen Ziel

 

So manche Dummheit ihrer ausstrahlenden Arroganz

Immer und ewig sichtbar, „IHR“ Unvermögen

Manche erblindeten im eigenen „Tanz“

Noch nie begegnete mir so viel Unwissen, Beschränktheit, Unvermögen

 

„SIE“, „SIE“ beuteten ihr eigenes Volk aus

Man „fütterte“ „diese Meute“ aus eigenen Einkaufsläden

Bequem zu erreichen, im „eigenen Diensthaus“

Unbekümmert, wie groß des Landes Schäden

 

Was an der Grenze in Hatzfeld, bei der Miliz sich abgespielt

Das zeigte: „DIE, DIE sind zu allem fähig.“

Ganz selten ein Soldat mal, bewusst, danebengezielt

Weil tief in ihm, sein Herz auch ein Stück menschlich

 

Das weiß ich, aus meiner Zeit im Krankenhaus

Als ein Soldat mir erzählt, wie sehr er leidet

Weil er weiß, dass jeder ein Zuhaus

Dass jede Mutter weint, zutiefst leidet

 

Leidet, weil ihr Sohn erschossen von einem Soldaten

Das stimmte ihn, mehr als nur einmal, nachdenklich

Er musste gehorchen, wie alle Soldaten

Doch in der Nacht, da machte er sich nie „schuldig“

 

Er schoss daneben, hoffte so sehr

Dass keiner diese seine Tat mitangesehen

Das hieße für ihn „Verrat“, kein Lächeln mehr

Dann wäre es auch um ihn, für immer, geschehen

 

DIE, DIE quälten selbst „ihre eigenen Leute“, skrupellos, grausam

Wer nicht gefügig, der musste leiden

Schlimm war nicht, dass die Soldaten nachts auf dem Feld einsam

Schlimm war, konnten sie manches nicht vermeiden

 

Man konnte sich nur selten auf „den Freund“ verlassen

Weil auch er von „Urlaub bei seinen Lieben“ geträumt

Das war sie, diese Diktatur, in allen Gassen

Wehe, es hat einer mal zu schießen versäumt

 

Vieles hat dieser erkrankte Soldat mir erzählt

Er stammte aus einem sehr menschlichen Elternhaus

Ich hätte mir „Hatzfeld“ nie ausgewählt

„Menschen fangen, erschießen, für ein paar Urlaubstage zuhaus.“

 

Nur, solche Soldaten, diese Menschen waren mehr als „rar“

Er, er hat auch Komma und Doppelpunkt gekannt

Manche Tragödien an dieser Grenze, Jahr für Jahr

Zu viele verloren ihr Leben, weil sie es verlassen wollten, dieses Land

 

Die Quellen „dieser Apparatur“

Sind bis heute nicht versickert, so glaube ich

Meine Zähne fletschen, denke ich an diese Diktatur

Dieser Parteifunktionäre ideologische Inkontinenz, bis heute erschüttert sie mich

 

Mein Schreiben, meine heimliche Kraftquelle

Unausgesprochene Gedanken brachte ich zu Papier

Mein Schreiben, ein Teil meiner Überlebenswelle

Vor allem, wenn ich wieder „geladen“ war, allein, vor oder hinter „dieser Tür“

 

Egal was „SIE“ getan, in all den Jahren

„SIE“ näherten sich nie der Vollkommenheit

Vielen die Flucht gelungen, trotz aller Gefahren

Flohen die Menschen über die Grenze, bewiesen ihre Überlegenheit

 

Und als es dann der Gedichte zu viel

Zu klar, zu ehrlich, meine ewige Direktheit

Warnte er mich, mein Großvater: „Pass auf, das ist ein sehr gefährliches Spiel

Wenn „SIE“ das finden, kümmern „DIE“ sich um deine Sicherheit

 

Wir können diese großen Kisten

Nicht ewig mal da, mal dort vergraben

Wenn „DIE“ sich mal in den Fähigkeiten „einnisten“

Kannst du jede Hoffnung nach Freiheit begraben

 

Wir müssen, so leid es mir tut, deine Gedichte verbrennen

Glaube mir, du begibst dich in größte Gefahr

Das ist kein Karussell, kein Schlittenrennen

Sei vorsichtig! Diese Gefahr ist zu wahr.“

 

Dann saßen wir beide, still im Schweigen

Vor dem Kessel im Schuppen, welch wärmende Glut

Uns berührte. Meine Gedichte sich angstfrei den Flammen zeigen

Großvater war traurig: „Ich weiß, dazu gehört jetzt Mut

 

Du darfst aber dein Leben nicht gefährden, nie

Weil so erreichst du die ersehnte Freiheit nicht.“

Welch Flammentanz! Meine Gedichte, welch Kraftgenie

Stumm wurden sie zu Asche, im lodernden Flammenlicht

 

Ja, schreiben damals, zu jener Zeit

Als ein Eiserner Vorhang das Land eingehüllt

Gab mir das Schreiben, eine Geborgenheit

Die mir niemand nehmen konnte, die mir Träume erfüllt

 

Diese ideologische Inkontinenz, damals, aus jedem Raum

Diese Verwahrlosung des eigenen Volkes, dieser Unfähigkeitswahn

Ich wünschte, das alles wäre nur ein Traum

Als ich angelehnt, dort am alten Baum, dort an der „Neuen Bahn“

 

Erinnerung, du hast mich so eben aufgewühlt

Diese Stunden kochten hoch, sie waren kein Traum

Mein Schreiben damals, es hat gelitten, gefühlt

Wie einengend, barbarisch, sadistisch, dieser Diktaturraum

 

Auch wenn sie alle so hilflos verbrannt, zehntausende Zeilen

Es war bestimmt richtig, ich lebte danach ohne Angst vor dieser Gefahr

Ich sehe sie heute noch, wie tausende meiner Gedichte in den Flammen verweilen

Nichtahnend, wie traurig und ausweglos ich damals war

 

Damals, damals war das Schreiben meine heimliche Freiheit…

 

©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

                15.01.2013

 

 

 

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