Foto: ©Elisabeth Anton
Heimweh, bis zum
letzten Atemzug
Über viele Jahre hat
Großmutter mir erzählt
Über ihre Heimat, von
dort, wo man sie vertrieben
Nie Abschied nehmen
konnte, weil Geschichte diesen Weg gewählt
Oft hat sie geweint,
weil nur Erinnerungen ihr geblieben
So oft hat sie mir
ihr Elternhaus beschrieben
Das wundervolle
Leben, wenn auch arm, dieser einmaligen Zeit
Die Macht der Geschichte
hat die Menschen vertrieben
Von da noch dort, von
dort nach hier. Und das nennt sich „Menschheit“
So oft erzählte sie
mir von ihrem Zuhaus´
Ihren Eltern, dem
Friedhof, Dorf, des Kirchturms Glockenklang
Und dann, dann
mussten sie, plötzlich, in die Welt hinaus
Die Menschen. Das Dorf
ausgelöscht – ohne Gesang, ohne Klang
Ich hörte ihr gerne
zu, sah ihre heimlichen Tränen
Sie erzählte von
ihrer Heimat, in dankbarer Begeisterung
Erzählte aus ihrer
Kindheit, wollte jede Erinnerung erwähnen
Mit einem Schlag gab
es keine Heimat mehr, keine Hoffnung
Keine Hoffnung, sie
jemals wiederzusehen
Keine Hoffnung mehr.
Man musste der Geschichte folgen
Sie durfte nie mehr
vor ihrer Heimatkirche stehen
Ihr Elternhaus sah
sie nie wieder – der Vertreibung Folgen
„Weißt du, es war
daheim bei mir so schön
Da, wo ich meine Kindheit
gelebt, begegnet dem Leben
Meine Gedanken,
jeden Tag, nach Hause, in die Heimat gehn´
Ich hoffe, der
Himmel wird sie uns, eines Tages, wiedergeben"
Mit diesem Traum lebte
sie bis an ihr Ende
Ihr Heimweh trug sie
so oft nach Haus, zu ihrem Elternhaus
So weise, so andächtig
faltete sie ihre Hände
Ihr Gebet sprach sie
leise, obwohl jedes Hoffnungsfeuer aus
Eingeäschert, alles
geebnet auf diesem Fleckchen Erde
Ihre Heimat sah sie
nie wieder, von ihr nie Abschied genommen
„Das Leben ist ein
War, Sein, Ist und Werde
Was haben „DIE“ für
ihre Verbrechen bekommen?“
So hat sie oft
gesagt, schaute sie durch die Fensterscheiben
Dem Winter zu,
seiner wirbelnden Schneeflockenpracht
Ihre „zweite Heimat“
auch abhanden – als es hieß „Gehen oder Bleiben?“
Ihr Heimweh führte in
ihre Heimat, bis sie ihre Augen ein letztes Mal zugemacht
©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld
26.01.2009

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