Montag, 22. Juli 2019

Heimweh, bis zum letzten Atemzug

















Foto: ©Elisabeth Anton

 
Heimweh, bis zum letzten Atemzug                           




Über viele Jahre hat Großmutter mir erzählt

Über ihre Heimat, von dort, wo man sie vertrieben

Nie Abschied nehmen konnte, weil Geschichte diesen Weg gewählt

Oft hat sie geweint, weil nur Erinnerungen ihr geblieben



So oft hat sie mir ihr Elternhaus beschrieben

Das wundervolle Leben, wenn auch arm, dieser einmaligen Zeit

Die Macht der Geschichte hat die Menschen vertrieben

Von da noch dort, von dort nach hier. Und das nennt sich „Menschheit“



So oft erzählte sie mir von ihrem Zuhaus´

Ihren Eltern, dem Friedhof, Dorf, des Kirchturms Glockenklang

Und dann, dann mussten sie, plötzlich, in die Welt hinaus

Die Menschen. Das Dorf ausgelöscht – ohne Gesang, ohne Klang



Ich hörte ihr gerne zu, sah ihre heimlichen Tränen

Sie erzählte von ihrer Heimat, in dankbarer Begeisterung

Erzählte aus ihrer Kindheit, wollte jede Erinnerung erwähnen

Mit einem Schlag gab es keine Heimat mehr, keine Hoffnung



Keine Hoffnung, sie jemals wiederzusehen

Keine Hoffnung mehr. Man musste der Geschichte folgen

Sie durfte nie mehr vor ihrer Heimatkirche stehen

Ihr Elternhaus sah sie nie wieder – der Vertreibung Folgen



„Weißt du, es war daheim bei mir so schön

Da, wo ich meine Kindheit gelebt, begegnet dem Leben

Meine Gedanken, jeden Tag, nach Hause, in die Heimat gehn´

Ich hoffe, der Himmel wird sie uns, eines Tages, wiedergeben"



Mit diesem Traum lebte sie bis an ihr Ende

Ihr Heimweh trug sie so oft nach Haus, zu ihrem Elternhaus

So weise, so andächtig faltete sie ihre Hände

Ihr Gebet sprach sie leise, obwohl jedes Hoffnungsfeuer aus



Eingeäschert, alles geebnet auf diesem Fleckchen Erde

Ihre Heimat sah sie nie wieder, von ihr nie Abschied genommen

„Das Leben ist ein War, Sein, Ist und Werde

Was haben „DIE“ für ihre Verbrechen bekommen?“



So hat sie oft gesagt, schaute sie durch die Fensterscheiben

Dem Winter zu, seiner wirbelnden Schneeflockenpracht

Ihre „zweite Heimat“ auch abhanden – als es hieß „Gehen oder Bleiben?“

Ihr Heimweh führte in ihre Heimat, bis sie ihre Augen ein letztes Mal zugemacht



©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

             26.01.2009

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