Foto:©Elisabeth Anton
Was ist geblieben…
Ich stehe vor meinem Elternhaus
Weil mein Heimweh mich dorthin getragen
Heimat, wie siehst du so einsam, so fremd aus
So leer deine Gassen, so ohne Antwort meine Fragen
Vor meinen Augen, welch Erinnerungsbuch
Mit bebilderten Seiten, Wörter reihen sich an Wort
Heimat, „Aussiedlung“, welch stiller Fluch
Was warst du, einst, aller Stolz, ihr Heimatort
Ich gehe von Gassentor zu Gassentor
Ich schau hinein, suche vergebens den Blumengarten
Nirgendwo mehr zu hören, der Frösche Chor
Nirgendwo mehr Großeltern vor dem Haus, die auf ihre Enkel warten
Im Nachbarhaus, der Stall ist leer
Keine Kühe, keine Pferde, keine Schafe, kein Hund
Auch die Schwalben weg, all ihre Nester leer
Welch tief bewegende Erinnerungsstund´
Wo einst er gestanden der uralte Aprikosenbaum
Liegt ein vor sich hin faulender Bretterhaufen. Stille quält
Freiheit, „Grenzen - Freiheit“, dieser uralte Menschheitstraum
Ich weine. Das Gefühl des Augenblicks zählt
Dort, dort schau ich durch die verlassenen Fensterscheiben
Wo einst der Kuchen zum Namenstag auf dem Tisch
Da brauchte keiner eine Einladung, weil Kommen, Gehen, Bleiben
Waren Alltag. In der Kaul fingen wir Frosch und Fisch
Mit dem alten Weidenkorb liefen wir durchs Wasser. Welch Spaß
Immer gab es einen reichen Fang
Wir waren glücklich, wenn auch tropfnass
Dann stellten wir den Korb in den „Gang“
Bis Großmutter bemerkte, was wir anstellen
Da rief sie uns in die Küche, zu sich
Die Katze miaute, Hunde bellen
Augenblicke so reich, so unvergesslich
Großmutter hatte viel Arbeit, damit wir
Unsere Froschschenkel, die Fische bekommen
Unter dem Pflaumenbaum blühten die Kakteen. Welch Zier
Heimat, so oft habe ich unsere Jahrzehnte wieder hervorgenommen
Wieder ging ich weiter, schaute auf die anderen Seiten
Da verlor, manches Haus, Farbe, Form und Gesicht
Ich stehe auf der Kanalbrücke, schau in längst veränderte Weiten
Dort, am Horizont, keine Stacheldrahtgrenzen mehr in Sicht
Heimat, tief im Herzen tut es mir weh
Dass deine Geschichte mehr als Trilogie und Wahnsinn
Welch Erwachen! An der „Neuen Bahn“ ich steh
Selbst der artesische Brunnen, dieser Reichtum, längst vernichtet, dahin
Ich schließe die Augen, höre die Vögel auf dem elektrischen Draht
Sie sammeln sich für ihre weite Reise
Heimat, deine Geschichte, welch nicht zu kittende Naht
Welch Anfang, welch Ende, welch letzte Reise
Die Stadt liegt im sinkenden Abendrot
Keine Schwalbe kehrt mehr in ihr Nest zurück
Dort, auf dem alten Holztisch, das letzte Stück Brot
Heimat, was warst du Zuhause, Reichtum, Stolz, unvergessenes Glück
Ob meine Spenglgass, ob Friedhof, die Eiche im Park, Wiesen, Feld
Ob Kirchturm, ob Hl. Florian, ob die kleine Kapelle
Heimat, diese „Aussiedlung“ nahm mir alles, dich, mein Hatzfeld
Was geblieben? Erinnerungen, der Erinnerungen Tränenquelle
©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld
09.11.2013

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