Sonntag, 18. September 2022

Was ist geblieben…


 

 

 

 

 

 

 

 

Foto:©Elisabeth Anton

 

Was ist geblieben…                                                

 

Ich stehe vor meinem Elternhaus

Weil mein Heimweh mich dorthin getragen

Heimat, wie siehst du so einsam, so fremd aus

So leer deine Gassen, so ohne Antwort meine Fragen

 

Vor meinen Augen, welch Erinnerungsbuch

Mit bebilderten Seiten, Wörter reihen sich an Wort

Heimat, „Aussiedlung“, welch stiller Fluch

Was warst du, einst, aller Stolz, ihr Heimatort

 

Ich gehe von Gassentor zu Gassentor

Ich schau hinein, suche vergebens den Blumengarten

Nirgendwo mehr zu hören, der Frösche Chor

Nirgendwo mehr Großeltern vor dem Haus, die auf ihre Enkel warten

 

Im Nachbarhaus, der Stall ist leer

Keine Kühe, keine Pferde, keine Schafe, kein Hund

Auch die Schwalben weg, all ihre Nester leer

Welch tief bewegende Erinnerungsstund´

 

Wo einst er gestanden der uralte Aprikosenbaum

Liegt ein vor sich hin faulender Bretterhaufen. Stille quält

Freiheit, „Grenzen - Freiheit“, dieser uralte Menschheitstraum

Ich weine. Das Gefühl des Augenblicks zählt

 

Dort, dort schau ich durch die verlassenen Fensterscheiben

Wo einst der Kuchen zum Namenstag auf dem Tisch

Da brauchte keiner eine Einladung, weil Kommen, Gehen, Bleiben

Waren Alltag. In der Kaul fingen wir Frosch und Fisch

 

Mit dem alten Weidenkorb liefen wir durchs Wasser. Welch Spaß

Immer gab es einen reichen Fang

Wir waren glücklich, wenn auch tropfnass

Dann stellten wir den Korb in den „Gang“

 

Bis Großmutter bemerkte, was wir anstellen

Da rief sie uns in die Küche, zu sich

Die Katze miaute, Hunde bellen

Augenblicke so reich, so unvergesslich

 

Großmutter hatte viel Arbeit, damit wir

Unsere Froschschenkel, die Fische bekommen

Unter dem Pflaumenbaum blühten die Kakteen. Welch Zier

Heimat, so oft habe ich unsere Jahrzehnte wieder hervorgenommen

 

Wieder ging ich weiter, schaute auf die anderen Seiten

Da verlor, manches Haus, Farbe, Form und Gesicht

Ich stehe auf der Kanalbrücke, schau in längst veränderte Weiten

Dort, am Horizont, keine Stacheldrahtgrenzen mehr in Sicht

 

Heimat, tief im Herzen tut es mir weh

Dass deine Geschichte mehr als Trilogie und Wahnsinn

Welch Erwachen! An der „Neuen Bahn“ ich steh

Selbst der artesische Brunnen, dieser Reichtum, längst vernichtet, dahin

 

Ich schließe die Augen, höre die Vögel auf dem elektrischen Draht

Sie sammeln sich für ihre weite Reise

Heimat, deine Geschichte, welch nicht zu kittende Naht

Welch Anfang, welch Ende, welch letzte Reise

 

Die Stadt liegt im sinkenden Abendrot

Keine Schwalbe kehrt mehr in ihr Nest zurück

Dort, auf dem alten Holztisch, das letzte Stück Brot

Heimat, was warst du Zuhause, Reichtum, Stolz, unvergessenes Glück

 

Ob meine Spenglgass, ob Friedhof, die Eiche im Park, Wiesen, Feld

Ob Kirchturm, ob Hl. Florian, ob die kleine Kapelle

Heimat, diese „Aussiedlung“ nahm mir alles, dich, mein Hatzfeld

Was geblieben? Erinnerungen, der Erinnerungen Tränenquelle

 

©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

                  09.11.2013

 

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