Montag, 14. Juni 2021

Welch unsagbarer Schmerz, welch Zumutung


 

 

 

 

 

 

 

 

Foto:©Elisabeth Anton

 

Welch unsagbarer Schmerz, welch Zumutung                     

Der letzte Blick rundum, der Schlüssel knackt zum letzten Mal im Schloss

 

Leergeräumt, verschenkt, rein gefegt

Wände frei, ihre Märchen zu erzählen

Unser leeres Haus, das hat uns alle bewegt

Ein Anblick, den keiner, freiwillig, wollte wählen

 

Noch einmal ging ich von Raum zu Raum

Schaute nach, ob alles leer, auch hinter der Tür

Das waren wohl Stempel und Siegel für meinen Freiheitstraum

Unsere Tauben immer frei, sie flogen ihre Alltagskür

 

Noch einmal kontrollierte ich alle Fensterscheiben

Dass sie zu, dass ja nichts passiert

In so einem Land, da kann man nicht bleiben

Ob der Dachbodentürschlüssel, Kachelofen vorhanden, alles kontrolliert

 

Dann stieg ich, ein allerletztes Mal

Auf den Dachboden, hob noch einmal den einen Dachziegel an

Ein letzter Blick Richtung Freiheit, zum allerletzten Mal

Pass in der Hand, die Reise in die Freiheit begann

 

Im Garten, im Hühnerhof, im Schuppen

Im Keller, in der hohen Einfahrt, im Schweinestall

Nur noch zu sehen, wie Diktatur und Kommunismus sich klar entpuppen

Wieder, Haus dem Staat schenken müssen, Heimat, Deutschtum zu Fall

 

Nur die Tauben, sie kamen heim vom Feld

Saßen auf dem Dach, auf dem Brunnen, auf der Rebenspalier

Sie fühlten, dass sie sich geändert, ihre Alltagswelt

Weil „Freiheitstraum“ wahr geworden, durch ein Stück gehärtetes „Passpapier“

 

Alle Fenster, Türen zu, die Verandatür noch zugesperrt

Ein letzter Blick rundum, in den Augen ein Nebelschleiermeer

Endlose Tränen, sie haben mir die Sicht verzerrt

Wir mussten gehen. Unser Zuhause, es war so schweigend, einsam, so leer

 

Dann, den letzten Schlüssel, zum letzten Mal, umgedreht

Im großen, schweren Holztor, dahinter nur „Es war einmal…“

Heimatwind, als ob er jede Wirklichkeit wie Grashalme abgemäht

Überall nur Echo – ob Freud, ob Leid, ob Kopf, ob Zahl

 

Dann, die letzte, die allerletzte Nacht

Vor der Fahrt zur Grenze. Es war nach Mitternacht

Dann, Zollkontrollen, viele Stunden Zugverspätung

Dort, irgendwo dort, weint es um uns, ein Zuhause, das nur noch Erinnerung

 

©Elisabeth Anton, Speyer / Hatzfeld

                  26.02.2014

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